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2024-08-03 11:08:12
„Sie haben Post.“ Die ikonische Stimme von AOL war am 3. August 1984 noch nicht erfunden, als Werner Zorn die erste E-Mail in Deutschland empfing. Wobei es eigentlich nicht die erste war: Schon zuvor verschickten Personen in Deutschland elektronische Nachrichten, allerdings in firmen- oder institutseigenen Netzwerken oder in der Amateurfunkerszene. Nichts davon war untereinander kompatibel. Die E-Mail, die Werner Zorn erreichte, kam von der Forscherin Laura Breeden am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, und das Besondere war die Art und Weise, wie sie verschickt wurde: Die E-Mail kam nämlich über das sogenannte CSNET, das Computer Science Network, Vorläufer des heutigen Internets.
Zorn war damals Professor an der Universität Karlsruhe, dem heutigen Karlsruher Institut für Technologie. Er hatte nach dem Abitur 1962 Nachrichtentechnik studiert, Informatik gab es damals noch nicht. Er erinnert sich im Gespräch mit der F.A.Z.: „Die erste E-Mail war eine Willkommensbotschaft. Es war ein Stück persönliche Verbindung, nicht nur Computerei.“ In der E-Mail an zorn@germany – das „.de“ gab es noch nicht – ging es unter anderem um CSNET-Merchandise-Artikel: Zorns Mitarbeiter hatte bei einem Treffen mit den amerikanischen Forschern nach T-Shirts gefragt, Breeden teilte ihm mit, dass sie nur Sticker hätten. Die E-Mail liest sich reichlich informell, dafür dass hier die führenden Informatiker über eine Technologie kommunizieren, die die Welt so nachhaltig verändern würde wie davor vielleicht nur der Buchdruck.
„Wir wurden von den Amerikanern herzlich begrüßt“
„Erst der persönliche Kontakt machte die technische Innovation möglich“, sagt Zorn heute. „Wir wurden von den Amerikanern herzlich begrüßt, alle waren froh, dass man nun über Ländergrenzen hinweg kommunizieren konnte.“ Das CSNET wurde 1981 ins Leben gerufen, damit Forschungseinrichtungen untereinander in Verbindung treten konnten – mit dem Vorgänger, dem sogenannten ARPANET, das für militärische Zwecke entwickelt worden war, war das mangels Authentifizierung nicht möglich. Zorn schlug dem Bundesforschungsministerium schon 1982 vor, das Deutsche Forschungsnetz (DFN) an das amerikanische CSNET anzuschließen. Mit Erfolg: 1984 war Deutschland neben Israel das dritte Land, das an dieses Internet im Embryonalstadium angeschlossen wurde – Karlsruhe wurde zur Internethauptstadt der Bundesrepublik.
Die Entwicklung war eine Graswurzelbewegung, Initiatoren des Netzes waren weniger die Institutionen als die Forscher selbst. Laut Zorn stieß das in Europa auf Skepsis – die Utopie der Regulierung führte dazu, dass Gremien entstanden, um Standards und Normen zu definieren, um Interoperabilität zwischen den verschiedenen Geräten zu ermöglichen. Am bekanntesten dürfte das von der ISO, der Internationalen Organisation für Normung, entwickelte OSI-Modell sein – OSI steht für Open Systems Interconnection. Das Problem: Die Spezialisten in den Gremien waren nicht die Anwender. „Die Kommunikation wird aber von den Anwendern bestimmt“, sagt Zorn. „Die USA hatten im Bereich Rechnerkommunikation einen gewaltigen Vorsprung, unter anderem durch IBM. Die Entscheidungen kamen aus den Rechenzentren, nicht aus Gremien.“
Das wildwüchsige, unregulierte Internet hat sich am Ende durchgesetzt
„Wer ein Rechenzentrum betreibt, schließt sich mit anderen kurz, und man entwickelt das, was man für zweckmäßig hält“, so Zorn. Europa habe die Normen auch propagiert, aber aufgrund des technologischen Fortschritts der Vereinigten Staaten habe man sich nicht durchgesetzt. In dieser unterschiedlichen Herangehensweise verortet Zorn den Grund, weshalb Europa mit wenigen Ausnahmen im kommerziellen Internet kaum eine Rolle spielt. Denn das wildwüchsige, unregulierte hat sich am Ende durchgesetzt – das Internet funktioniert als iteratives Verfahren mittels Versuch und Irrtum. Deutschland setzte bis in die frühen Neunzigerjahre in seiner Förderpolitik allerdings auf ISO-OSI, was Zorn scharf kritisierte. Von 1994 an habe die Politik dann das Interesse verloren, was historisch in der Aussage von Bundeskanzlerin Angela Merkel 2013 gipfelte: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“
Werner Zorn hatte dieses Neuland schon 20 Jahre zuvor erkundet – und er hat nach der ersten E-Mail längst nicht aufgehört: 1987 betreute er den Anschluss Chinas an das internationale Internet, 1989 gründete er mit Xlink den ersten Internetprovider Deutschlands. Der Zweiundachtzigjährige ist bis heute einer von drei Deutschen, die in die „Internet Hall of Fame“, die Ruhmeshalle der digitalen Pioniere, aufgenommen wurden. Aus der aktiven Arbeit zog er sich zu Beginn der Nullerjahre zurück. Auf E-Mails antwortet er aber auch heute noch innerhalb weniger Stunden.
#最初のメールがドイツに届く