1728614232
2024-10-10 19:45:00
Bildung hat in der modernen Gesellschaft fast den Status eines Allheilmittels. Sie soll sozialen Aufstieg ermöglichen, Einkommen und ein gutes Leben garantieren, soll Wissen und Kompetenzen vermitteln, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und der politischen Willensbildung befördern und obendrein die Menschen zu besseren Gesellschaftsmitgliedern erziehen. Bildung gilt als bestes Mittel gegen Vorurteile und Ressentiments, gegen Intoleranz und Ausgrenzung. Und da immer mehr Menschen in den Genuss einer höheren Schulbildung und sogar eines Hochschulstudiums kommen, müssten solche hässlichen Dinge ja allmählich verschwinden.
Tun sie aber nicht – und das ist soziologisch erklärungsbedürftig. Zum Beispiel der Antisemitismus. In der Öffentlichkeit wird zwar anerkannt, dass es (wieder) Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft gibt, dieser sei aber ein Problem von Randgruppen: Antisemiten, das sind bildungsferne Angehörige der unteren Schichten oder unbelehrbare Rechte. Das probate Mittel gegen Antisemitismus müssten dann Aufklärungskampagnen sein, Angebote für Schulen und Jugendliche und eine Schärfung des öffentlichen Bewusstseins im Kampf gegen antisemitische Einstellungen.
Vier Erscheinungsformen des Antisemitismus
Nun gibt es eine neue Studie, die dieses Narrativ in Zweifel zieht. Die von März bis April in Nordrhein-Westfalen mit 1300 Teilnehmern durchgeführte repräsentative Umfrage hat sich das Ziel gesetzt, die „diffizilen Dunkelfelder“ des Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft ins Licht zu ziehen und dabei auch die Attraktivität antisemitischer Stereotype zu begreifen.
Dabei unterscheidet die Studie zwischen vier Erscheinungsformen des Antisemitismus: religiösem, modernem oder tradiertem, holocaust- und israelbezogenem. Außerdem wird auch zwischen drei „Kommunikationsformen“ des Antisemitismus unterschieden: offenem, camoufliertem und toleriertem. Zusammengefasst kommen die Autoren der Studie zu dem Ergebnis, dass je nach Erscheinungsform und Kommunikationsmodus acht bis 24 Prozent der Befragten „gefestigte“ antisemitische Einstellungen aufwiesen.
Der Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft hat viele Facetten. So gaben beispielsweise 21 Prozent an, sie würden niemals eine Synagoge betreten. Zwölf Prozent glauben, dass die jüdische Religion Gewalt gegen Kinder legitimiere. Und 43 Prozent äußerten, sie könnten es „nachempfinden“, dass der Holocaust viele kaltlasse. Verurteilungen wegen Holocaustverleugnung findet ein knappes Drittel der Befragten „ungerecht“. Und nahezu die Hälfte nimmt einen „übermäßigen jüdischen Einfluss in der Welt“ wahr.
Nur „schwacher vorurteilsmindernde Einfluss“
Drei Befunde der Studie stechen aber besonders heraus: Insgesamt seien antisemitische Einstellungen über alle Altersgruppen eher gleich verteilt. Doch es seien die jüngsten Teilnehmer, also die Sechzehn- bis Achtzehnjährigen, unter denen der israelfeindliche Antisemitismus am stärksten sei. Unterscheidet man die Befragten nach ihrer Religionszugehörigkeit, zeigt sich, dass der Antisemitismus unter den Muslimen in Deutschland in allen Dimensionen am deutlichsten ausgeprägt ist.
Und die Bildung? Die Autoren stellten fest, dass Antisemitismus in allen Bildungsschichten verbreitet sei, und insbesondere tolerierter Antisemitismus sei auch bei Personen mit Hochschulabschluss keine Seltenheit. Auch der muslimische Antisemitismus weise keine mildernden Bildungseffekte auf. Bildung habe in ihrer Studie bei allen Ausprägungen von Antisemitismus nur einen „schwachen vorurteilsmindernden Einfluss“.
Bei religiösem, offen modernem und sekundärem Antisemitismus neutralisiere sich dieser ohnehin schwache Effekt sogar, wenn auf „sozial erwünschtes Antwortverhalten“ kontrolliert werde. Damit ist gemeint, dass die vermutliche „Dunkelziffer“ des tatsächlichen Antisemitismus viel höher sei. Insbesondere höher gebildete Befragte seien sich nämlich bewusst, dass ihr Antisemitismus gesellschaftlich nicht „salonfähig“ sei. Darum würden sie die soziale Unerwünschtheit ihrer tatsächlichen Einstellungen in Umfragen zu Antisemitismus gegenüber den Interviewern eher verbergen als Personen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen.
Die Zustimmung zu antisemitischen Aussagen erhöhe sich mit steigender Bildung sogar, wenn vorher die Effekte dieser „Kommunikationslatenz“ des Antisemitismus in den Interviews der Studie ausgeschaltet werden konnten. Wenn aber Antisemitismus mit Bildung sogar zunimmt, wirkt es dann nicht etwas hilflos, wenn die Autoren dann doch wieder „spezifische Bildungsangebote“ gegen Antisemitismus ganz oben auf die Liste ihrer Handlungsempfehlungen setzen?
#意識向上と教育の改善は反ユダヤ主義に対して役立ちますか