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2024-06-19 07:14:54
Zum Beginn der Freibadsaison kam auch in diesem Jahr die Warnung: Weniger Kinder können schwimmen, der Anteil derer, die sich sicher im Wasser bewegen, sinkt. Schon vor 20 Jahren warnte die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft DLRG, dass Deutschland zum Land der Nichtschwimmer werde. Ganz so schnell ging es dann doch nicht, den deutlichsten Anstieg gab es erst in den vergangenen Jahren: Konnte 2017 noch jeder zehnte nicht schwimmen, war es 2022 laut Umfragen schon jeder Fünfte. Fachleute sprechen von einem Corona-Effekt. Danach ist durch die Pandemie eine Entwicklung verschärft worden, die es schon vorher gab.
Das zeigt sich zum Beispiel bei den Schwimmkursen. Malte Rieth, Sprecher der DLRG in Rheinhessen, sagt, dass es schon vor Corona lange Wartelisten gab. „Weil das Kinderschwimmen aufgrund der Kontaktbeschränkungen begrenzt war, kommen nun zusätzliche Jahrgänge obendrauf.“ In der Region in Rheinland-Pfalz melden Eltern ihre Kinder teilweise mit einem Jahr an, damit sie bis zum Schuleintritt eine Chance auf einen Schwimmkurs haben. Von bis zu fünf Jahren Wartezeit ist die Rede.
Die DLRG könne der Nachfrage nicht nachkommen, sagt Rieth. Am Beispiel seiner Heimatgemeinde Nieder-Olm rechnet Rieth vor: Durch die drei Schwimmkurse im Jahr bekommen rund 72 Kinder das Seepferdchen. Im Einzugsgebiet sei der Bedarf um „ein Vielfaches“ höher, so Rieth. Ähnliche Berichte gibt es bundesweit.
2500 offene Stellen in deutschen Schwimmbädern
Die DLRG würde gerne mehr Kurse anbieten, aber sie steht vor zwei Schwierigkeiten. Zum einen fehlen Mitarbeiter, die das Schwimmen beibringen. Auch den Schwimmbädern selbst geht es so. Bundesweit gab es laut der Deutschen Bäderallianz im vergangenen Jahr 2500 offene Stellen. Dadurch sind vielerorts die Öffnungszeiten und auch die Zeiten für Schul- und Vereinsschwimmen begrenzt worden.
Auf der anderen Seite fehlen aus Sicht der DLRG die „Schwimmflächen“. Das viel beschworene „Bädersterben“ stellt die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen indes infrage. Nicht jede Schwimmbadschließung sei per se schlecht. In den Sechziger- und Siebzigerjahren seien viele Bäder entstanden, die heute in schlechtem Zustand seien und viel kosteten. Die sinkende Zahl von Hallenbädern, meist der Ort für die Lernsituation, macht sich jedoch besonders in ländlichen Bundesländern wie Rheinland-Pfalz bemerkbar. Dort gibt es immer häufiger den Fall, dass die Wege zum nächsten Schwimmbad weiter werden. Je nach Landesgesetz zählt der Betrieb zu den freiwilligen Aufgaben, die im Falle einer Haushaltssicherung bedroht sind.
All das führt dazu, dass Schwimmkurse umkämpft sind. Einen Platz bekommen oft vor allem Kinder von Eltern, die sich besonders bemühen. Damit alle Kinder am Ende schwimmen können, soll in Rheinland-Pfalz wie in den meisten anderen Bundesländern auch in der Schule das Schwimmen vermittelt werden. Bis zum Besuch der weiterführenden Schule soll jedes Kind die „Grobform einer Schwimmtechnik“ beherrschen und „mindestens 200 Meter ausdauernd schwimmen“ können.
Doch die Schulen stellt der Schwimmunterricht teilweise vor kaum lösbare Herausforderungen. Es gibt laut Bildungsministerium zwar genug Lehrer, die zum Schwimmunterricht befähigt sind, aber es fehlen die Schwimmbäder. Häufig muss ein Bus die Kinder zum Schwimmbad transportieren; die Kosten trägt die Schule teilweise aus ihren eigenen Mitteln. Laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bleibt so von einer Doppelstunde Schwimmunterricht in einzelnen Fällen durch Fahrzeit und Umziehen nur eine gute Viertelstunde im Wasser. Da die Zahl der Kinder wächst, die gar nicht schwimmen können, sind die Lehrer gefordert. Wie viele Kinder sich am Ende der vierten Klasse sicher im Wasser bewegen können, darüber gibt es keine Statistik. Es gibt auch keine Statistik darüber, wie häufig der Schwimmunterricht in Rheinland-Pfalz ausfällt.
„Von Sommer zu Sommer ausgesessen“
Neue Schwimmbäder wären nötig, darüber herrscht grundsätzlich in der Landespolitik Einigkeit. In einzelnen Fällen hilft das Bildungsministerium über ein Landesschulbauprogramm, das ist aber die Ausnahme. Wenn eine Kommune sich entschließt zu bauen, kann sie etwa durch die Sportstättenförderung Hilfe des Innenministeriums bekommen. Die Entscheidung und auch die allgemeinen Kosten liegen aber bei den Kommunen, die häufig mit großen Geldproblemen zu kämpfen haben. Ein Überblick, wo es womöglich zu wenig Schwimmfläche gibt, ist laut dem für Sport zuständigen Innenministerium nicht vorhanden.
Dennis Junk, sportpolitischer Sprecher der CDU im rheinland-pfälzischen Landtag, ärgert sich: „Von Sommer zu Sommer wird das Thema von der Landesregierung ausgesessen“, sagt Junk. Das Bildungsministerium brachte zuletzt unter anderem einen Schwimmabzeichenwettbewerb oder Runde Tische zwischen Schulaufsicht und Kommunen auf den Weg. Junk hält das für zu wenig. „Die Kommunen darf man mit dem Thema nicht alleinlassen. Es braucht ein Förderprogramm, einen Fünfjahresplan, um die offensichtlichen Probleme anzugehen und mehr Wasserfläche zum Schwimmenlernen zu schaffen.“
Im Sommer nimmt die Debatte um die wachsende Zahl von Nichtschwimmern meist Fahrt auf, weil zugleich die Zahl der Ertrunkenen steigt. Dabei hängen beide Entwicklungen nur indirekt zusammen. Von den 378 Ertrunkenen im vergangenen Jahr gehen viele Fälle auf Leichtsinn oder das Überschätzen der eigenen Fähigkeiten etwa in Flüssen zurück.
#ライフセーバーは警告泳げない人が増えている