日本語版
最新ニュース
企業

「ある種の転換点はすでに過ぎている」

Herr Hilgartner, Sie sind Verhaltensbiologe, haben viele tropische Regionen der Erde bereist. Was fasziniert Sie daran?Vor allem der Wald. Ich bin dort ein anderer Mensch, wie ein kleiner Junge. Das Maximum an Wald, das man erleben kann, ist…

「ある種の転換点はすでに過ぎている」

1731353761
2024-11-11 18:30:00

Herr Hilgartner, Sie sind Verhaltensbiologe, haben viele tropische Regionen der Erde bereist. Was fasziniert Sie daran?

Vor allem der Wald. Ich bin dort ein anderer Mensch, wie ein kleiner Junge. Das Maximum an Wald, das man erleben kann, ist der tropische Regenwald.

Es dürfte viele geben, für die der Regenwald etwas Unwirtliches, Bedrohliches hat: die Geräusche, die Luftfeuchtigkeit.

Ich habe das nie so empfunden. Für mich ist der Regenwald eine große Spielwiese. Die Möglichkeit, überrascht zu werden, ist nirgendwo größer. Für meine Doktorarbeit habe ich mehrere Jahre in Madagaskar in einer kleinen Waldhütte gelebt, um eine wenig erforschte nachtaktive Lemurenart, den Rotschwanz-Wieselmaki, zu beobachten. Natürlich kann der Forscheralltag auch stinklangweilig sein, wenn man nächtelang unter einen Baum sitzt. Aber es kommt immer wieder vor, dass man etwas sieht, was vielleicht noch nie ein Mensch gesehen hat.

Sie waren der erste Forscher, der einen tränen­trinkenden Nachtfalter beobachtet hat, auch in Madagaskar. Was ist das für ein Tier?

Ein Falter, der sich von der Tränenflüssigkeit schlafender Vögel ernährt. Seinen langen Saugrüssel bohrt er unters Augenlid schlafender Vögel, um ihre salzhaltige Tränen­flüssigkeit zu trinken. Großartig, oder? Bis dato wusste man nicht, dass es so etwas überhaupt gibt.

Überraschung kann auch Gefahr bedeuten. Wovon geht die im Regenwald aus?

Eher von den Menschen als von den Tieren. Letztere kann ich als Verhaltens­biologe ganz gut einschätzen. Bei den Menschen ist es schwieriger. Als ich im Kongobecken war, in Kinshasa, gab es Ausschreitungen, weil die Wahl mehrmals verschoben worden war. Da war die Devise: schnell in den Wald, da ist es ­sicher.

Was könnten Einheimische einem Verhaltensbiologen wie Ihnen Böses wollen?

In die abgelegenen Gebiete in Afrika, in denen ich unterwegs bin, kommen nicht allzu häufig weiße Leute. Und die, die es tun, führen oft nichts Gutes im Schilde. Das sind Wilderer oder Söldner der russischen Wagner-Gruppe. Deswegen ist da per se ein großes Misstrauen da. Als ich über Kamerun in die Zentralafrikanische Republik gereist bin, um dort an einer Lichtung Waldelefanten zu beobachten, musste ich durch ein Gebiet, das von Rebellen kontrolliert wird. Beim Hinfahren war das noch okay, da habe ich die üblichen 15 Dollar Wegzoll gezahlt, und gut war’s. Beim Rausfahren war es sehr un­angenehm. Da sind plötzlich Milizenjungs, bewaffnet mit Kalaschnikows und offensichtlich nicht mehr nüchtern, aus dem Wald gesprungen. Die dachten, der kommt aus der Zentralafrikanischen Repu­blik, der hat sicher Diamanten oder Elfenbein dabei.

Wie haben sie reagiert, als Sie ihnen sagten: Ich habe Waldelefanten beobachtet?

Das hat mich gerettet. Nachdem sie den Geländewagen auseinandergenommen hatten, schauten sie sich meine Fotos auf der Digitalkamera an. 50, 60 Waldelefanten auf einem Bild. Die konnten das gar nicht fassen, dass ich an einem Ort war, an dem es so viele Elefanten gab – und keine einzige Stoßstange bei mir hatte.

Hört sich an, als gingen die Einheimischen mit der Natur auch nicht pfleglicher um als wir.

So pauschal kann man das nicht sagen. Auf der Nordhalbkugel haben wir Jahrzehnte von Wohlstand und Ressourcenverschwendung hinter uns, sodass manche inzwischen auch die Schattenseiten sehen. Da, wo es Regenwälder gibt, sind dagegen viele Menschen – plakativ gesprochen – von der Steinzeit in die Moderne katapultiert worden. Einige können noch nicht überblicken, was es bedeutet, wenn man den Wald abholzt oder die Elefanten tötet. Außerdem muss man bedenken, dass seit der Kolonialzeit sehr viel aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Was war das für ein Gleichgewicht?

Indigene Völker haben ein pragmatisches, aber nachhaltiges Verhältnis zur Natur. Die fischen zum Teil, indem sie bestimmte Abschnitte eines Baches vergiften und dann die toten Fische einsammeln. Aber das machen sie so dosiert, dass es für sie selbst unschädlich ist und dass sich der Bach wieder erholt. Das Gegenteil davon machen viele große Konzerne. Sie schauen, dass sie maximalen Gewinn aus dem Land ziehen, und hinterlassen dann buchstäblich verbrannte Erde.

Der Mensch mag das gefährlichste Tier sein – aber welches kommt danach?

Mit den Waldelefanten ist tatsächlich nicht zu spaßen. Das habe ich selbst erlebt, als ich Schimpansen beobachtet habe. Wenn dich die Elefanten hören und riechen, ­gehen sie normalerweise auf Abstand. Schwierig ist es, wenn es stark regnet – dann können sie dich weder hören noch riechen. Normalerweise bleibt man dann an Ort und Stelle, und wenn die Schimpansen weiterziehen, muss man halt ­sagen, Haken dran, Beobachtung zu Ende – und man wartet, bis der Regen aufhört. Das ist in dem Fall aber nicht passiert. Ich bin also durch den Regen zur Forschungsstation zurück – und voll in einen Wald­elefanten hineingelaufen. Ich habe erst versucht, mich langsam zurückzuziehen, aber der hat eine Attacke gefahren, und dann nimmst du deine Füße in die Hände und hörst das Getröte hinter dir und denkst, okay, gleich lieg ich unterm Elefanten. Dass es nicht so kam, war reines Glück.

Sie sind verheiratet, haben zwei Söhne. Die meiste Zeit des Jahres sind Sie als ­Direktor des Tierparks Affenberg Salem in Sicherheit – und doch zieht es Sie ­immer wieder hinaus auf Expedition. Wie findet das die Familie?

Ist nicht einfach. Ich habe aber den großen Vorteil, dass meine Frau Mamisolo auch Biologin ist. Wir haben uns in der Forschungsstation in Madagaskar kennen­gelernt, in der ich meine Doktorarbeit geschrieben habe. Sie hat mich unterstützt bei meinen Beobachtungen, war auch nachts mit mir im Wald unterwegs. Ohne meine Liebe zum Regenwald wären wir gar nicht zusammen, und es würde auch unsere Jungs nicht geben. Wichtig ist aber auch, dass sie weiß, wie akribisch ich mich auf Expeditionen vorbereite.

Was, wenn trotzdem was passiert, wenn Sie sich zum Beispiel verletzen?

Das hängt vom Ort ab. Wenn am Oberlauf des Amazonas etwas passiert wäre, wäre es schlecht gewesen. Wir hatten zwar ein Satellitentelefon, aber das hätte nicht viel gebracht, weil da kein Hubschrauber landen kann und weil man mit dem Motorboot zwei Wochen bis zum nächsten Dorf braucht. Ich hatte aber eine Reiseapotheke dabei und habe jeden noch so kleinen Kratzer desinfiziert. In Madagaskar hatte ich da mal eine sehr negative Erfahrung gemacht. Ein simpler Mückenstich am Fuß entzündete sich – und irgendwann hatte ich dann ein fettes Loch im Bein. Am Ende halfen Antibiotika und ­Bäder. Aber ich war zwei Monate außer Gefecht.

Nach fast 30 Jahren auf Expedition: Können Sie Wälder lesen?

Ich kann einschätzen, für welche Tier­arten der Wald interessant sein könnte. Und ich kann sofort sagen, ob der Wald intakt ist oder schon gestört, ein Sekundärwald. Es ist nicht so, wie viele denken, dass man sich durch einen richtigen Dschungel mit der Machete durchschlagen muss. In einem intakten Regenwald, in dem die hohen Bäume noch nicht gefällt wurden, ist der Unterbewuchs relativ gering, da kann man sich ziemlich gut fortbewegen.

Wie ist es um diesen Primärwald bestellt?

Sehr schlecht. Ich will nicht zu hoffnungslos erscheinen, aber es gibt die begründete Befürchtung, dass gerade im Amazonas­becken schon bestimmte Kipppunkte überschritten sind. Weil der Wald immer weiter dezimiert wird, fällt weniger Regen, dadurch werden die Randgebiete des Waldes trockener, sind anfälliger für Feuer, wodurch man noch weniger Wald hat, noch weniger Regen, noch weniger CO2-Speicherung. Auch von dem Wald, in dem ich meine Doktorarbeit auf Madagaskar gemacht habe, existieren nur noch Fragmente. Das ist ein saisonaler Wald, es gibt eine kurze Regenzeit, eine lange Trockenzeit, die Tiere, die dort leben, haben sich extrem angepasst an diese Saisonalität. Es gibt eine Chamäleonart, die verbringt acht Monate als Ei unter der Erde, und dann, wenn der erste Regen fällt, schlüpfen die Chamäleons. Die kommen aus dem Boden, innerhalb weniger Monate durch­leben sie ihr ganzes Leben, werden geschlechtsreif, verpaaren sich, die Weibchen legen die Eier wieder in den Sandboden, und dann sterben sie. Das ist die kürzeste Lebensspanne, die man bei einem vierbeinigen Wirbeltier kennt. Durch den kleinräumigen Klimawandel, möglicherweise aber auch schon durch den globalen, hat sich die Regenzeit dort noch mehr verkürzt. Sich daran anzupassen schafft diese Chamäleonart nicht. Sie ist schon am Limit. Sie wird aussterben.

Da wird mancher sagen: Merkt doch eh keiner, wenn es dieses Chamäleon nicht mehr gibt.

Das ist eine sehr kurzsichtige Sicht der Dinge. Die Stabilität von Ökosystemen hängt an der Artenvielfalt. Je mehr diese abnimmt, desto anfälliger für Krankheitserreger sind die verbliebenen Arten, auch Nutzpflanzen und letztlich der Mensch. Das schlägt sich auch ökonomisch massiv nieder.

Trotz Artensterben und Klimawandel dreht sich die politische Debatte vor allem um Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft.

Man muss sich immer fragen, worauf gründet denn unser Wirtschaftswachstum? Auf den natürlichen Ressourcen. Wenn ich aber permanent etwas weg­nehme, ohne etwas zurückzugeben, dann funktioniert das auf Dauer nicht. Man bräuchte einen Ansatz, der in Richtung Kreislaufwirtschaft geht. Man müsste schon bei der Entwicklung von Produkten das Recycling und die Wiederverwertung mit bedenken. Es gibt Firmen, die das ­machen, es müsste aber in einem viel größeren Maßstab passieren. Aktuell produzieren wir vor allem Güter, die irgendwo als Müll, teilweise als Giftmüll landen. Das ist doch verrückt! Ich habe selbst gesehen, zu welchen Katastrophen das im Kongobecken oder in Indonesien führt.

In Madagaskar versucht zum Beispiel die Organisation „Chances for Nature“, den kleinsten Affen der Welt, den Mausmaki, von dem es geschätzt noch 100 Tiere gibt, vor dem Aussterben zu bewahren. Das machen die, indem sie die Kinder in den Dörfern sensibilisieren, sie in den Wald ein­laden, denen mal dieses Tier zeigen, denen überhaupt mal zeigen, was es in ihrem coolen, tollen Wald alles so gibt. Bei den Erwachsenen geht es nur knallhart mit ökonomischen Argumenten. Die müssen verstehen, dass sie langfristig mehr Geld verdienen, wenn der Wald stehen bleibt. Nachhaltiger Tourismus funktioniert nicht überall, aber er ist eine mög­liche Einnahmequelle. Eine andere Möglichkeit, den Regenwald zu monetarisieren, wäre, dass die Weltgemeinschaft endlich seinen existenziellen Wert erkennt und für seinen Erhalt bezahlt.

Die Empathie von vielen Menschen mit süßen Hündchen ist enorm. Warum lässt sich das nicht auf Waldelefanten und ­Makis übertragen?

Man versucht schon, das empathische Potential zu nutzen, indem man „Flagship Species“ wie etwa die Orang-Utans zu Symbolen aufbaut. Aber man sieht ja in Indonesien, dass ihr Lebensraum trotzdem abgeholzt wird. Artenschutz stößt an Grenzen, wenn er mit vermeintlichem Wohlstandsverlust einhergeht oder sonst wie stört. In Deutschland sieht man das bei den Störchen. Sie sind im kollektiven Bewusstsein verwurzelt, sie bringen uns sogar die Kinder. Dennoch war der Vogel zum Beispiel in Baden-Württemberg fast ausgestorben. In den Siebzigern gab es noch 15 Brutpaare. Dann wurden sehr erfolgreiche Ansiedlungs­projekte gestartet. Auch wir vom Affenberg Salem waren daran beteiligt. Jetzt sind wir bei fast 3000 Brutpaaren. Das ist eine Erfolgsgeschichte. Aber jetzt nisten dummerweise einige in den Dörfern auf den Dächern, und es zeigt sich, dass die größten Storchenschützer zu ihren Gegnern werden können, wenn der Vogel ihr Dach vollkackt.

Welche Bedeutung haben Tierparks wie Ihr Affenberg, in dem neben Störchen und einer Damwildherde auch 200 Berber­affen leben?

Bei uns kann der Besucher durch das größte Affenfreigehege Deutschland spazieren und die Affen in ihrem natürlichen Verhalten beobachten. Das ist schon mal besser, als den Tag in einer Shoppingmall zu verbringen. Wir können hier darauf aufmerksam machen, dass es um die Primaten in freier Wildbahn nicht gut bestellt ist. Durch die Art, wie wir die Berberaffen halten, haben wir den weltweit wichtigsten auswilderungs­fähigen Reserve­bestand. Ein bisschen ­sehen wir uns als Arche Noah. Aber um Tiere auszuwildern, brauchst du einen ­geeigneten Lebensraum. Und den gibt es kaum noch.

#ある種の転換点はすでに過ぎている

執筆者について: nipponese

Nipponese News編集部は、国内外のニュースを日本語で分かりやすくお届けします。