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キム・デ・ロライゾン、古代と海

Am 17. Oktober 2022 wurde der Deutsche Buchpreis Kim de l’Horizon für den Roman „Blutbuch“ verliehen. Kim de l’Horizon nutzte die Zeremonie im Frankfurter Römer für einen spektakulären Auftritt: Auf das ausgiebige Umarmen von Freunden im Publikum folgte…

キム・デ・ロライゾン、古代と海

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2024-08-29 10:53:09

Am 17. Oktober 2022 wurde der Deutsche Buchpreis Kim de l’Horizon für den Roman „Blutbuch“ verliehen. Kim de l’Horizon nutzte die Zeremonie im Frankfurter Römer für einen spektakulären Auftritt: Auf das ausgiebige Umarmen von Freunden im Publikum folgte eine tränenreiche Rede, der Dank an die Mutter auf Schweizerdeutsch und das Lied „Nightcall“, a cappella und im Falsett vorgetragen. Schließlich zückte Kim de l’Horizon einen Rasierer und schor sich am Rednerpult vor der Festgemeinde die Haare, um sich mit den unterdrückten Frauen im Iran zu solidarisieren: „Dieser Preis ist offensichtlich auch für die Frauen im Iran.“

Kim de l’Horizon ist die erste genderfluide Person, die den Deutschen Buchpreis erhielt; die Rasieraktion bei der Preisverleihung fügt sich aber ein in eine lange Reihe öffentlichkeitswirksamer Auftritte von Schriftstellern – nicht zuletzt von Rainald Goetz, einem Meister der Selbstinszenierung, der sich 1983 in Klagenfurt mit einer Rasierklinge die Stirn aufritzte.

Wen der Auftritt nicht abgeschreckt oder sogar neugierig auf „Blutbuch“ gemacht hat, der stößt auf einen sprachgewaltigen, vielschichtigen Text, der zwar als Roman klassifiziert ist, die Grenzen des Genres aber auf fulminante Weise sprengt. Der Strom aus Reflexionen und erzählerischen Passagen, Szenen und Dialogen, Zitaten und Gedichten, teils hochsprachlich, teils vulgär, mit Helvetismen und einem Schlusskapitel auf Englisch spiegelt formal das Ringen darum, die Geschlechterdichotomie zu überwinden und durch eine fluide Identität zu ersetzen. „Blutbuch“ ist an die Großmutter adressiert; in der Auseinandersetzung mit ihr versucht Kim de l’Horizon eine Sprache für die eigene, nicht binäre Körperlichkeit zu finden.

Das Flüssige als „das Element der Sprache“

Auf den ersten Blick überraschend flicht Kim de l’Horizon neben Derrida, Foucault, biologischen und gender-politischen Publikationen auch Bezüge auf die Antike in den Text von „Blutbuch“ ein. Am prominentesten ist Odysseus, auf den Schlussseiten als ein Beispiel dafür genannt, dass man – Kim de l’Horizon würde schreiben „mensch“ – nicht nach Hause zurückkehren kann und, geht es um die Suche nach Identität, die Figur des Kreises mit der Spirale ersetzen sollte. Odysseus taucht bereits im ersten von fünf Teilen auf, ebenfalls prononciert am Ende. Hier ist Odysseus nicht nur der Heimkehrer, sondern auch der auf dem Meer Herumirrende: „Das Medium, das Odysseus trägt, ist gleichermassen das Meer wie auch die Sprache.“ Die Verbindung von Meer und Sprache kommt nicht unvorbereitet – wenige Seiten zuvor hat Kim de l’Horizon das Flüssige als „das Element der Sprache“ identifiziert und das Schreiben mit einer Wellenlinie verglichen, „eine von weither kommende Woge, die lange vor mir begonnen hat und lange nach mir weiterfliessen wird“.

Kim de l’Horizon bedient sich hier eines in der antiken Literatur weitverbreiteten Bildes, das auch in anderen Sprachen belegt ist. Schon Homer vergleicht die Rede mit einer Flüssigkeit, wenn er den greisen Nestor dafür preist, dass ihm „auch von der Zunge süßer als Honig floss die Stimme“. Hesiod wiederum huldigt den Musen, „aus deren Mund floss unermüdlich die süße Stimme“. Wenn Kim de l’Horizon sich selbst als ein Wasser bezeichnet, fühlt man sich an Pindar erinnert, der vom „felsigen Delos“ spricht, „über die ich ausgegossen bin“. Nun gibt es keinen Hinweis darauf, dass Kim de l’Horizon bewusst auf die antike Metapher zurückgreift; dennoch ist der Vergleich des Sprachbilds im „Blutbuch“ und in den Werken antiker Autoren erhellend.

Weiterentwicklung der Wassermetapher

Der poetologischen Wassermetapher in der griechischen und lateinischen Literatur liegt die Vorstellung zugrunde, die Rede ströme so wie ein Fluss. Bereits früh fließt nicht nur die Stimme, sondern auch Sprecher lassen ihre Worte verströmen. Pindar vergleicht seinen Gesang mit Nektar. Zugleich wird Inspiration als Flüssigkeit verbildlicht, bei Hesiod „gießen“ die Musen dem Sänger „süßen Tau auf die Zunge“. Spätere Autoren entwickeln die Wassermetapher weiter, um die Länge und Form von Werken zu bewerten. Der hellenistische Dichter Kallimachos legt in einem Hymnos dem Gott Apollon sein eigenes Stilideal in den Mund: Dem Meer, zu identifizieren mit dem homerischen Epos, eifert der mächtige assyrische Strom nach, also die Homerimitation. Aber dessen Flut führt „Erdschlamm und reichlich Unrat auf ihrem Wasser mit“. Viel besser – hier zeigt sich die hellenistische Vorliebe für Kürze und Raffinesse – ist dagegen, „was rein und unbesudelt aus einer heiligen Quelle hervorsprudelt, ein winziger Schluck – das Feinste vom Feinen!“

Ganz anderer Ansicht war in der Kaiserzeit der von der Überlieferung als Longin bezeichnete, uns aber unbekannte Autor der Schrift „Über das Erhabene“. Er stellt fest, dass wir nicht die kleinen Flüsse bewundern, auch wenn sie rein und nützlich sind, sondern große Ströme wie den Nil und den Rhein, am meisten aber den Okeanos. Ebenso verhalte es sich mit der Literatur. Auch wenn Homer, Platon und Demosthenes nicht immer vollkommen seien, hätten sie doch die Kraft, uns zu erschüttern und das Gefühl der Erhabenheit zu geben. Bei anderen Literaturkritikern tritt der Ursprung der Wassermetapher als Ausdruck für den ungehemmten Redefluss wieder zutage. Sie bezeichnen als fließend Texte, die durch ihren eleganten Stil bestechen und mühelos zu rezipieren sind, etwa die Tragödien des Euripides, die den bombastischen Dramen des Aischylos gegenübergestellt werden.

Stilkritik und Gender-Identität

Im „Blutbuch“ dient die Wassermetapher nicht der Stilkritik, sie hat eine Gender-Semantik. Kim de l’Horizon greift Spuren des Französischen im Berndeutschen auf, in dem die Mutter auch „mère“ genannt wird, und bezeichnet seine Mutter als „Meer“ und seine Großmutter als „Großmeer“. Nicht nur in Klaus Theweleits „Männerphantasien“, der Untersuchung der Körperbilder in der Freikorps-Literatur, wird das Flüssige mit dem Weiblichen, das Feste, Harte dagegen mit dem Männlichen assoziiert. Auch Kim de l’Horizon spricht immer wieder vom Flüssigen, dem Ozean in sich, um weibliche Persönlichkeitsanteile zu bezeichnen. Die Verbindung zwischen dem Flüssigen und der Sprache gewinnt Gestalt im Begriff der „Meersprache“, der Sprache der übermächtigen Großmutter, an der sich de l’Horizon in immer wieder neuen Anläufen abarbeitet, bevor er im letzten Kapitel ins Englische wechselt, eine Sprache, die seine „Großmeer“ nicht beherrscht.

Stilkritik und Gender-Identität – die Semantik und Verwendung der Wassermetapher bei antiken Autoren und Kim de l’Horizon könnte kaum verschiedener sein. Und doch sind ihre Sprachwelten nicht hermetisch voneinander abgeriegelt. In vielen Teilen des „Blutbuchs“ fließt die Erzählung in einem lockeren Parlando, nah an der gesprochenen Sprache; die kurzen, klaren Sätze reihen sich nahtlos aneinander an. Antike Literaturkritiker hätten hier unschwer den glatten Stil festgestellt. Die Kombination dieses Duktus mit sperrigen Passagen hätte sie vielleicht die Frage stellen lassen, mit was für einem Gewässer das Blutbuch zu vergleichen sei. Umgekehrt lädt Kim de l’Horizons Spiel mit der Wassermetapher dazu ein, einer Gender-Dimension in der antiken Stilkritik nachzuspüren. Ist es Zufall, dass Sappho zu den Autoren gehört, denen griechische Grammatiker einen flüssigen Stil bescheinigen? Die Gegenüberstellung des „Blutbuchs“ mit der antiken Literaturkritik wirft die Frage nach dem Inhalt der Form und dem Stil der Identität auf.

#キムデロライゾン古代と海

執筆者について: nipponese

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