1718180199
2024-06-12 08:12:04
Anlässlich des Tages gegen Kinderarbeit am 12. Juni hat die internationale Kinderrechtsorganisation Terre des Hommes ihren jährlichen Report über Kinderarbeit weltweit veröffentlicht. In diesem Jahr lag der Schwerpunkt auf Kinderarbeit in Deutschland. Adressiert wird unter anderem die Miteinbeziehung von Kindern bei sogenannten Familieninfluencer-Kanälen.
Auf ihrer Website fordert die Organisation Bund und Länder auf, sich verstärkt mit Kinderarbeit in Deutschland zu befassen und den Kinder- und Jugendarbeitsschutz zu reformieren. „Unsere zum internationalen Tag gegen Kinderarbeit veröffentlichte Studie ’Kinderarbeit? In Deutschland?’ zeigt, dass auch in Deutschland Kinder unter Bedingungen arbeiten, die ihre Entwicklung, Gesundheit, Sicherheit und Bildung beeinträchtigen“, sagt Joshua Hofert, Vorstandssprecher von Terre des Hommes.
Laut der Studie arbeiten weitaus mehr Kinder in Deutschland unter schädlichen Bedingungen, als den zuständigen Behörden bekannt ist. Eine beispielhafte Befragung von 37 arbeitenden Kindern und Jugendlichen ergab, dass 14 Tätigkeiten und Arbeitsbedingungen eindeutig gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz verstoßen. Dazu zählen verbotene Arbeiten wie Türstehen oder der Ausschank von Alkohol, zu lange Arbeitszeiten, Nachtarbeit oder der Umgang mit gefährlichen Werkzeugen wie etwa großen Landmaschinen. In vielen Fällen sei dabei das Mindestalter von 13 Jahren unterschritten worden.
Die meisten dieser Verstöße sollen innerhalb der Familie oder in Familienbetrieben stattgefunden haben: zu Hause, in Gaststätten, landwirtschaftlichen Betrieben, auf dem Bau und bei der Gebäudereinigung. Keine dieser Tätigkeiten sei einem Jugendamt oder der Gewerbeaufsicht bekannt.
Besonders Babys bekommen positive Resonanz
Eine neue Form der Kinderarbeit innerhalb der Familie sei die Mitwirkung von Kindern in digitalen Kanälen kommerziell arbeitender Familieninfluencer und Familieninfluencerinnen. Marketing mit Influencern und Influencerinnen ist ein Milliardengeschäft, bei dem Familien vor den Augen von oftmals Millionen Followern und Followerinnen ihre Kinder einbeziehen, um Geld zu verdienen. Besonders das Zeigen von Babys und Kleinkindern bringe viel positive Resonanz. Die Studie sagt aus, dass dies Intimität und Vertrauen vermittle und damit die Bindung an die jeweilige Internetpersönlichkeit fördere. Unternehmen nutzen die Kanäle zunehmend für Werbung. Auch eigenen Produkte werden mit den Kindern beworben. Terre des Hommes nennt in ihrem Report ein deutliches Beispiel: Einer der beobachteten Kanäle vermarkte etwa Hoodies, die mit Gemaltem der Tochter (geboren im Juni 2022, zum Zeitpunkt der Hoodie-Marketingkampagne also 1,5 Jahre alt) verziert sind. Das Mädchen sei beim Fotoshooting für die Werbefotos dabei gewesen und wurde auch als Werbemotiv fotografiert.
Die Kinder werden dabei hohen Risiken ausgesetzt: Ihr Zuhause ist öffentlich sichtbar, Privatsphäre existiert nicht, das Familienleben ist weitgehend inszeniert. Nicht nur die persönliche Sicherheit, sondern auch die Gesundheit der Kinder sei gefährdet, es bestehe die Gefahr von Bindungs- und Entwicklungsstörungen, kritisiert die Organisation. „Gemäß der UN-Kinderrechtskonvention ist das Wohl eines Kindes vorrangig zu berücksichtigen. Dies ist hier nicht der Fall“, sagt Vorstandssprecher Joshua Hofert. „Das Jugendarbeitsschutzgesetz erlaubt keine Tätigkeiten für Kinder unter drei Jahren. Deshalb appellieren wir an die zuständigen Behörden, die Einbeziehung von Babys und Kleinkindern in digitalen Kanälen kommerziell arbeitender Familieninfluencer und Familieninfluencerinnen umgehend zu stoppen. Auch Beiträge, die die Privatsphäre älterer Kinder verletzen oder ihre persönliche Sicherheit gefährden, sollten beendet werden. Hier sehen wir auch Unternehmen in der Pflicht, keine Werbung in Kanälen zu schalten, in denen Kinder solchen Risiken ausgesetzt sind“, ergänt er.
Die zuständigen Behörden meldeten lediglich 60 Verstöße pro Jahr. Hofert erläutert, dass angesichts von über 14 Millionen Minderjährigen in Deutschland die Dunkelziffer durchaus größer ausfalle und dass Institutionen und Organisationen, wie Schulen und Jugendämter, Risiken nicht erkennen und die Jugendhilfe nicht systematisch mit den Gewerbeaufsichtsämtern zusammenarbeite.
Erschwerend komme hinzu, dass über zahlreiche Tätigkeiten von Kindern und Jugendlichen kaum etwas bekannt sei. Das Bundesfamilienministerium schätzt, dass rund 480.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland Angehörige pflegen. Dabei leisten sie viel für ihre Familie und die Gesellschaft, seien aber zugleich Risiken für ihre eigene Gesundheit und Bildung ausgesetzt. Aus diesem Grund bestünde eine Notwendigkeit für weitere Forschungen und Hilfsangebote seitens der Schulen, Krankenkassen, Pflegeeinrichtungen sowie Kommunen und Vereinen, fordert die Kinderrechtsorganistion.
Terre des Hommes hat für die Zusammenstellung des diesjährigen Reports aktuelle wissenschaftliche Literatur sowie die Berichte aller 16 Bundesländer und des Bundeskriminalamtes ausgewertet. Verglichen wurden auch die aktuelle Gesetzgebung mit den Bestimmungen der Kinderrechtskonvention der UN. Weiterhin einbezogen wurde eine Befragung von 37 arbeitenden Kindern aus drei Bundesländern mit verschiedenen Bildungswegen. Diese Befragung ist nicht repräsentativ. Um die Mitwirkung von Kindern in Kanälen kommerziell arbeitender Familieninfluencer und Familieninfluencerinnen und Ausmaß und Form der Werbung in solchen Kanälen zu analysieren, hat Terre des Hommes im Dezember 2023 sämtliche in jenem Monat veröffentlichte Beiträge in fünf Kanälen von Familieninfluencer und Familieninfluencerinnen gesichtet.
#家族の影響力を持つ人々が新たな形態の児童労働に従事している