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2024-06-16 20:36:15
Für Peter Demetz, der am 30. April im Alter von 101 Jahren in New Haven gestorben ist, war die Literatur keine Sache der Bibliotheken. Er hatte sie in seiner Jugend als Lebenselixier erfahren. Seine Prager Familie wohnte in einem kulturellen Hotspot, wo man den Literaten in Cafés begegnete. Bei seinem Vater, der als Dramaturg am Prager Deutschen Theater tätig war, gingen expressionistische Autoren ein und aus. Da sein Schwiegervater Josef Brod (nicht mit Max Brod verwandt) als Handelsgehilfe im Galanteriewarengeschäft von Hermann Kafka tätig gewesen war, bestand auch eine direkte Verbindung zu Franz Kafka. Nachdem Josef sich selbständig gemacht hatte, hielt der Kontakt der Familien an, belebt von der gemeinsamen Sorge um den Nachwuchs, der sich aufs Künstlerische verlegte. Als Josefs Tochter Friederike am Meininger Hoftheater Erfolge feierte und ihr Vater die Zeitungskritiken stolz Hermann Kafka vorlegte, soll dieser sie, laut einer von Peter Brod, einem Vetter von Peter Demetz, mitgeteilten Familienanekdote, mit der Bemerkung vom Tisch gewischt haben: „Ach, wissen Sie, Herr Brod, gute Kritiken hat der Franz auch, aber wenn er bloß einmal so etwas wie die ‚Fünf Frankfurter‘ schreiben würde, wüsste vielleicht die Nachwelt einmal etwas von ihm!“ Bei den „Fünf Frankfurtern“ handelte es sich um ein damals beliebtes Lustspiel von Carl Rössler.
Ironischerweise landete Peter Demetz, als er 1952 in die Vereinigten Staaten emigrierte, an der Yale-Universität in einer Hochburg des New Criticism und der werkimmanenten Betrachtung. Als die College-Jugend später im Banne Jacques Derridas stand, den der Dekonstruktivist Paul de Man oft nach Yale einlud, hielt Demetz Distanz zur „Pariser ‚Mafia‘ der radikalen Zweifler“ und beharrte gegenüber der „Unentscheidbarkeit“ auf dem Sinn von Texten. Mit seinem Lehrer René Wellek stimmte er in der Überzeugung überein, dass Texte vor Theoriewolken und der Übergriffigkeit politischer Systeme geschützt werden mussten. Von einem Punkt rückte er nie ab: „Mögen auch meine Freunde und Kollegen, die sich auf die reine Theorie der Theorie konzentrieren, meine irdischen Interessen für passé halten, ich will immer noch herausfinden, wie gute Gedichte, Stücke und Romane gemacht werden, und in welcher Verbindung sie zum sozialen Kontext ihrer Zeit und zu der besonderen Schreibform stehen, der sie angehören.“
Kompakte, geradezu finstere Erscheinung
Für Peter Demetz blieb Literatur Fragment eines größeren Organismus aus Hoffnungen, Enttäuschungen, Schicksalsschlägen und wunderbaren Wendungen, ein Zeitzeugnis, das sich nicht entschlüsseln, wohl aber durch Konstellationen und zusätzliche Informationen potenzieren ließ. „Biographische Schnüffelei“ interessierte ihn nicht, doch er verblüffte mit funkelnden lebensgeschichtlichen Details, die den von zwei Buchdeckeln gekappten Blutkreislauf zwischen Kunst und Existenz reanimierten. Sein Geist entzündete sich am Gelebten, vom Druck Sedimentierten, an paradoxen Seelenzuständen und dem Potpourri aus sozialer Prägung, Zufall, Genie und Erfahrung. Indem er die komplexen, widersprüchlichen, ja absurden Spannungen sichtbar machte, unter denen die Autoren standen, statt das der Zeit entrissene Konstrukt kühl zu würdigen, wurden die Werke zu akrobatischen Kunststücken und ihre Verfasser zu pikaresken Heldinnen und Helden, die ohne ihre Drangsale unbegreiflich bleiben. Und diese Nöte ergaben das größere Buch, an dem Demetz schrieb.
Peter Demetz war von kompakter, wenn er wollte, geradezu finsterer Erscheinung. Er war auf die väterliche Herkunft aus dem Ladinischen stolz und hatte auch die Statur eines wettergegerbten Alpenbauern. Sein Name, erklärte er gerne, rühre von „de mezzo“ her: einer von der halben Höhe. In anderer Hinsicht kannte er keine Hierarchien; so torpedierte er gelegentlich das Yale-Elitesystem, dessen Kultivierung individueller Interessen ihm in der Forschung sehr entgegenkam. Bei einer Dadaisten-Konferenz zückte er eine Wasserpistole und spritzte sein Publikum nass. Small Talk war ihm fremd, er konnte sich als Brocken ausdruckslosen Gesteins camouflieren. Er war ein versponnener Charakter, ein im Zeichen der Venus geborener Saturniker mit vulkanischem Kern, der jederzeit in Begeisterung ausbrechen konnte. Sie äußerte sich nicht in raumgreifenden Gesten, sondern in blitzartig aufspringender Neugier und vor allem in seinem Schreiben.
Zu meinen Aufgaben als seine Assistentin gehörte es, die Tonbänder zu transkribieren, auf die er seine Rezensionen für die F.A.Z. gesprochen hatte. Seine Stimme war hypnotisch, nicht nur weil er als Sohn eines Theatermanns den melodischen, leicht fasslichen Vortrag beherrschte und die Beiträge akribisch vorbereitete. Vor allem war da ein Sog, bei dem das demetzsche „und“, mit dem viele Sätze begannen, eine ebenso wichtige Rolle spielte wie bei Scheherazade. Es tritt zurück, holt weit aus, fasst neue Prospekte ins Auge. Ein leises Pathos schwingt mit und bringt zum Ausdruck, dass keine Existenz, ob künstlerisch oder nicht, sich von nur einem Standpunkt aus beurteilen lässt.
So abwesend wie Goethes epischer Erzähler
Insofern lässt sich der Denkstil von Demetz als die ins Werk gesetzte Simultaneität der Futuristen bezeichnen, denen er zwei Bücher gewidmet hat. Er formulierte seine über viele Einschübe prozessierenden Sätze in einem Singsang, der tiefen Quellen zu entspringen schien. Allem Anschein nach gab es dort rhythmische Raster, in die er sich die Welt übersetzte. Er sendete eigentlich nicht, sein Denken und Formulieren war das Gegenteil des forschen Befehlstons, er war als Sprecher so abwesend wie Goethes epischer Erzähler hinter dem Vorhang. Er ließ einer Realität den Vortritt, die noch nicht seziert und erschöpfend ausgeleuchtet war, sondern auf magische Weise in jedem seiner Sätze als lebendiges Gespinst streitender Kräfte wiederauferstand. Wie das Schuhwerk eines Alpenbewohners war sein Sprechrhythmus auf abrupte Steigungen und Abgründe konstitutionell vorbereitet. Der Swing seines Satzbaus verwob das Nacheinander in ein Zugleich, sodass die isolierten Fakten des Lebens, das Witzige, Tragische, Skurrile, in eine schwebende Balance gerieten. Und nicht selten mündeten die Gedanken dieses Fans der Marx Brothers in eine Pointe, die trocken wie ein Martini war.
Als Sohn einer jüdischen Mutter, die er zum Sammelplatz für den Zug nach Theresienstadt begleitete, mag ihm das „und“, das keinen Punkt als endgültig akzeptiert, immens tröstlich gewesen sein. Auch als Philologe und Rezensent arbeitete er der Finalität entgegen, behandelte die Bücher durch Fragen, Kommentare und Ergänzungen wie ein work in progress und näherte sich so dem Konzept des „offenen Kunstwerks“ an, das sein zeitweiliger Kollege Umberto Eco propagierte und das den Interessen des New Criticism diametral gegenüberstand. Das Melodische seiner Analysen war auch ein inneres Exil.
In seinem Buch „Mein Prag“ spricht Peter Demetz von seiner Jugend, die mit der deutschen Okkupation der Tschechoslowakei abrupt zu Ende ging. Er nimmt politische und kulturelle Protagonisten unter die Lupe und wechselt zur Kursivschrift, um Geschichtliches mit persönlichen Erinnerungen zu versetzen. Als Sohn einer Jüdin und eines Ladiners war er in den ideologisch aufgeheizten Jahren ein Zwischengänger, der sich durch die Kraft seiner Persönlichkeit behaupten und durchschlagen musste. Wir lesen von der Illoyalität des Vaters und der überstürzten Ausreise seines Stiefvaters, die seine Mutter schutzlos zurückließen. Minutiös rekapituliert Demetz die chaotische Durchführung des Attentats auf Reinhard Heydrich, worauf das Besatzungsregime mit summarischen Exekutionen und Verbringung jüdischer Bürger in Todeslager reagierte, auch seiner Mutter. Er ereifert sich nicht, er lässt sich die Erinnerung an die Mutter nicht verschatten und feiert ihre stupende Selbständigkeit und Entschlusskraft, nachdem die Männer der Familie sie im Stich gelassen haben.
Respekt für Heinrich Böll und Alfred Andersch
Was in seinem Sprechduktus mitschwingt, ist elementare Verwunderung über die Welt und das Bedürfnis zu erfahren, wie es eigentlich gewesen war. Folgenreiche Launen gelten ihm mehr als ideologische Entschlüsse, daher faszinierten ihn die tatenhungrigen, kraftstrotzenden Futuristen. Die eine Entscheidung, die Peter Demetz sorgfältig herauspräpariert, betrifft Humanität, die hohe Kosten in Kauf zu nehmen bereit ist. Hier widmet er sich der Aufgabe des Überlebens mit barocker Geduld, Güte, Zärtlichkeit.
Abgeklärt und unerbittlich sondierte er die deutsche Nachkriegsliteratur und beurteilte sie mit feiner Stimmgabel. Sympathie und Respekt gelten dem mit Sensibilität gepaarten gesellschaftlichen Scharfblick einer Nelly Sachs, eines Heinrich Böll und eines Alfred Andersch. Suspekt waren ihm Autoren, die sich in Agitprop oder ins „ruhelos grübelnde Ich“ und die „schöne Last der deutschen Innerlichkeit“ flüchten. Darin ist er ein Kind der toleranten Vielvölkerstadt Prag, die ihm in seiner Jugend mit New York vergleichbar schien.
「映画を見に行こう、ドイツ精神よ!」と彼は1976年、米国の「日常生活の毛細血管」についてよく知らない反米主義者たちに向かって叫んだ。 ラインハルト・レッタウのように現場で教えていたとしても、彼らは「スターリン主義のレンズ」を通してホスト国を認識したり、ペーター・ハントケのように「ドイツ県からドイツ県へのミモザの英雄」としてシュティフターの「ナクゾンマー」のバラの家を探してさまよったりする。 ” 。 デメッツは、たとえ彼の最終的な評決が脆いものであったとしても、フォンターヌのリアリズムを気に入っている。 いや、失敗したラダルテラでも、いや、究極的に感傷的なエフィ・ブリーストでさえも。 ジェニー・トレイベル夫人、クールなポーゲンプル家、ステクリンの知恵のおかげで、むしろ取り返しのつかないほどだ。 狭くてもドロスのないフィールドになるでしょう。」
Peter Demetz は毎日のレビューに魅了されました。 結局のところ、彼は演劇っ子で、毎晩全力を尽くしていました。 ある時、私が退屈なコピー機でTCボイルの新作を読んでいるのを彼が見つけたとき、彼は笑ってこう言いました。「翻訳された詩を読まなければならないことに誰かが文句を言うと、デメッツは肩をすくめました。「勉強しなさい。」言葉の方が好きだった」 彼は物事と一緒にいたいと思ったが、おそらくそれがイェール大学の牧歌的な環境ではハンディキャップだったのだろう。
しかし、そこには彼の最後の著書『Dictators in the Cinema』が捧げられたスクリーンがあり、彼がいなかったら我々は『危険な関係』のジョン・マルコヴィッチを見逃していただろう。 デメッツは、このジャンルの古典を吸収した、話題のスリラーの信頼できる情報源でもありました。 脱構築を崇拝するCompLit学部の大学院生たちは彼に歯を食いしばった。 最後に、彼らは新聞に掲載された謎の教授の2枚の写真を見つけましたが、それは彼の髪が黒く染まっていたことを示していました。 それは百点を越えるはずだった者にとって、現実的な決断だった。 彼らは見出しとして、リルケについての考察の上に彼が付け加えたものを選びました:「過去よりも未来」 – ペーター・デメッツについてはこれ以上言う必要はありません。
インゲボルグ・ハームズ 作家、文化科学者、ジャーナリストです。 彼女は1992年にハンザーとの短編小説集『ハードドライブ』を出版し、長年にわたってFAZに文学とファッションの評論を執筆し、2012年には実験衣料・テキスタイルデザイン研究所でファッションを中心としたデザイン理論の教授に就任した。ベルリン芸術大学デザイン学部博士号取得。
#ニューヘブンでのピーターデメッツの思い出